Alltagsprobleme

 

Fortschreitend schwerhörige Menschen stehen vor dem Problem, zwar zu wissen, dass sie möglicherweise oder wahrscheinlich vollständig ertauben werden, andererseits aber nur bedingt in der Lage dazu sind, sich das gerade in Bezug auf die Kommunikation vorzustellen. Gerade diese ist aber für alle zwischenmenschlichen Beziehungen grundlegend wichtig. Einige Betroffene hegen Ängste vor dem Nicht-Verstehen und dem damit verbundenen Kontrollverlust. Das Wissen um die Grenzen des Absehens erzeugt Angst vor Nicht-Verstehen. Auch die Gebärdensprache lässt sich nicht schnell lernen, dazu braucht man Jahre. (Absehen ist leider eine Begabungssache. Man kann es aber üben, genau wie Normalhörende eine deutliche Sprechweise üben können. Die Angst schürt die Unsicherheit, richtig verstanden zu haben oder im Gespräch die Kontrolle zu verlieren, nichts mitzubekommen und blöd daneben zu stehen. Die Unklarheit in diesem Bereich zeigt, wie wichtig es ist, von Problemen anderer zu erfahren, um sich auf eine drohende Ertaubung vorzubereiten oder einen geeigneten Umgang und den sich daraus ergebenden Problemen zu suchen und vielleicht sogar zu finden.

In einem Gespräch den Faden nicht zu verlieren, erfordert für hörgeschädigte Menschen ein sehr hohes Maß an Konzentration. ‘Schnelle’ Kommunikation, z.B. am Telefon bei Terminabsprachen wird zum Problem. Ähnlich verhält es sich in der Kommunikation mit Bekannten. Gruppensituationen (Mahlzeiten, Diskussionen, Feiern) können schnell dazu führen, dass Hörgeschädigte nicht alles, nicht richtig oder sogar gar nichts verstehen. Nicht mehr zu wissen, worüber gesprochen wird, drängt dann die Frage auf, ob gerade über den Hörgeschädigten selber gesprochen wird. Solche Erfahrungen in Verbindung mit bestimmten Situationen, Personen, Gruppen oder Gesellschaften verleiten dazu, sie zukünftig zu vermeiden. Sogar in der Familie sind Gespräche häufig nicht mehr detailliert, sondern oberflächlicher und wegen der kommunikativen Problematik auf das Nötigste beschränkt. Daraus ergeben sich engere Grenzen für die Teilhabe am Leben anderer.

Missverständnisse sind immer und überall möglich. So kann auch die Unsicherheit bestehen, ob andere Hörgeschädigte einen selber verstehen. Nicht nur ich verstehe die anderen schlecht – auch die anderen verstehen mich oft nicht richtig. Damit ist weniger gemeint, dass sie das Wort nicht verstehen, sondern viel mehr, dass der Hörgeschädigte keinen Einfluss mehr darauf hat WIE er etwas sagt. Seine Empfindung kann er nicht mehr unterstützend in seine Sprechweise einbringen. Vielleicht klingt er gereizt, gar aggressiv, ist es aber gar nicht. Es kommt zu sehr „unangenehmen“ Missverständnissen. Darüber hinaus beeinträchtigt bei manchen NF2-Betroffenen eine Gesichtslähmung zusätzlich die Möglichkeit, Freude und andere Gefühle mimisch zum Ausdruck zu bringen. So entsteht eine gewisse Orientierungslosigkeit in der hörenden Welt, da die Nuancen der Stimme eines anderen Menschen, die mehr oder etwa im Falle der Ironie auch Gegenteiliges zum Ausdruck bringen, nicht mehr wahrnehmbar sind.

Abhängig sind Hörgeschädigte leider allzu oft vom „Wohlwollen“ des Hörenden (bezogen auf die Kommunikation). Treffen mit Freunden, denen es sehr schwer fällt, sich auf die kommunikativen Bedürfnisse der schwerhörigen Freund/in einzustellen, sind meist kaum mehr möglich. Die vollständige Ertaubung kann zu einem angemessenen Verständnis und entsprechendem Verhalten führen. PartnerInnen stellen sich andersherum aber auch die Frage, ob sie als Dolmetscher vereinnahmt werden. Die Lichtverhältnisse müssen z.B. jetzt auch auf die Möglichkeit zur Kommunikation abgestimmt werden. Nacht bedeutet Kommunikationslosigkeit, was gerade auch in einer Partnerschaft als sehr belastend erlebt werden kann.

Eine Hilfe, mit kommunikativen Problemen umzugehen, stellt auf jeden Fall die „Hörtaktik“ dar, wie sie in Reha-Maßnahmen für Hörgeschädigte vermittelt wird. Aber das dafür notwendige Selbstbewusstsein ist nicht einfach aufzubringen. Darüber hinaus gibt es sogar Situationen, in denen ein Wissen um hilfreiches Verhalten gar nichts nützt, weil ein Stehen zu und Bekennen von Einschränkungen immer auch eine Preisgabe von ‘Schwächen’ bedeutet.