Gleichgewichtsstörung

Schwindel

Im Allgemeinen versteht man unter Schwindel eine Störung des Orientierungs- und Gleichgewichtssystems. Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühle haben sehr unterschiedliche Ursachen. Es kann ein harmloser Reizschwindel vorliegen, hervorgerufen durch ungewohnte Sinnesreize wie Reisekrankheit oder Höhenschwindel. Es können aber auch eine Entzündung oder Mangeldurchblutung der Gleichgewichtsorgane oder Schädigungen bestimmter Strukturen des Hirns vorliegen. Nicht zuletzt die am Schwindelerlebnis beteiligten vegetativen Begleiterscheinungen führen zu einer Beeinträchtigung des Patienten. Neben den Schwindelgefühlen können auch Schweißausbrüche, Herzklopfen, Übelkeit und Ohnmacht auftreten.

Schwindel tritt entweder als Erstsymptom einer NF2 wie auch als OP Folge bei Neurofibromatose Typ 2 auf. Der Ursprung der so genannten Vestibularisschwannome liegt im vestibulären Anteil des Nervus vestibulocochlearis. Dieser vermittelt Informationen vom Gleichgewichtsorgan an das Gehirn, während der cochleäre Anteil die Hörimpulse leitet. Der 8. Hirnnerv verläuft zusammen mit dem Nerv für Gesichtsbewegungen (7. Hirnnerv, nervus facialis) vom Hirnstamm in den inneren Gehörgang (ein kleiner knöcherner Kanal im Felsenbein) bis zum Hör- und Gleichgewichtsorgan. Schwindel und Gleichgewichtsbeschwerden sind daher die am zweithäufigsten beklagten Beschwerden im Zusammenhang mit einem Vestibularisschwannom. Fraglich ist, inwiefern auch eine verminderte Durchblutung durch den erhöhten Druck auf das Gefäß im Inneren des Gehörganges dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Bei der Ursachenfindung von Schwindel helfen eine Reihe von Untersuchungen: eine ausführliche Patientenbefragung zur genauen Definition der Schwindelzustände, die Überprüfung der vestibulospinalen Reflexe, eine Lage- und Lagerungsprüfung sowie eine thermische Labyrinthprüfung. Die einfachsten Methoden der Untersuchung sind der Romberg-Stehversuch und Unterberger-Tretversuch. Bei der Elektronystagmografie (ENG) überprüft man in einem speziellen Labor die Reizbarkeit der beiden Gleichgewichtsorgane im Ohr. Nach einem bestimmten Zeitrhythmus werden beide Ohren getrennt mit warmem und kaltem Wasser gereizt. Hierdurch provozieren wir Bewegungen der Augen, die elektronisch aufgezeichnet werden. Diese Untersuchung ist völlig schmerzfrei, sie dauert etwa 45 Minuten.

Aufschluss über Durchblutungsstörungen geben gezielte Blutuntersuchungen und ein spezielles Ultraschallverfahren, die Dopplersonografie. Sind Durchblutungsstörungen die Ursache für Schwindel, werden zunächst durchblutungsfördernde Medikamente verabreicht, die gleichzeitig auch die häufig auftretenden Begleitsymptome wie Übelkeit und Brechreiz lindern.

Bei der Neurofibromatose Typ II und den damit verbundenen, in den meisten Fällen auftretenden Vestibularisschwannomen kommt es meist zu einer irreversiblen Schädigung des Gleichgewichtsapparates/Gleichgewichtsnerven. Daher sind die herkömmlichen klinischen Untersuchungen zur Feststellung einer Schädigung des Gleichgewichtsorganes nicht mehr geeignet. Blindgang oder Seiltänzergang sind außerdem meist gar nicht mehr durchführbar.

Diagnostik

Die Posturographie (Equitest®) ist eine auch bei Neurofibromatose geeignete Ergänzung in der Vestibularisdiagnostik und wird heute in jedem gut ausgestattetem Labor durchgeführt. Der Equitest® besteht aus einer computergesteuerten Plattform und einem dreiteiligen Wandschirm. Sowohl der Wandschirm als auch die Plattform sind beweglich und werden in ihren Bewegungen vom Computer gesteuert. Die Bewegungen finden immer in der Vorwärts-Rückwärts-Schwankrichtung des Patienten statt. In den einzelnen Versuchen werden die Körperschwankungen des Patienten durch Druckfühler, die in jedem Quadranten der Plattform untergebracht sind, registriert und durch das Computerprogramm analysiert.

Der Test besteht aus sechs Testbedingungen, bei denen jeweils die Körperschwankungen registriert werden. Ein einzelner Test dauert 20 Sekunden, jede Testbedingung wird dreimal durchgeführt.

  1. Der Patient steht in der Ausgangsposition.
  2. Der Patient steht in der Ausgangsposition mit geschlossenen Augen
  3. Der Patient steht in der Ausgangsposition, wobei sich der Wandschirm bewegt
  4. Der Patient steht in der Ausgangsposition und die Plattform bewegt sich
  5. Der Pat. steht in der Ausgangsposition mit geschlossenen Augen, Plattform bewegt sich
  6. Der Pat. steht in der Ausgangsposition, sowohl Plattform als auch Wandschirm bewegen sich

Einen Untertest stellt der so genannte Motor Control Test dar. In diesem Untertest bewegt sich die Plattform in horizontaler Richtung ruckartig nach vorn bzw. nach hinten. Die Bewegung findet in jede Richtung jeweils dreimal statt. Im Rahmen dieses Untertests werden die Zeitabstände gemessen zwischen Reiz und Reaktion der Ausgleichbewegung. Diese werden für jedes Bein getrennt registriert, sodass in diesem Test insgesamt 12 Werte erfasst werden.

Als Zweites wird die Reaktion des Patienten auf eine kreisförmige Bewegung der Plattform hin beobachtet. Zuerst kippt die Plattform insgesamt fünfmal hintereinander nach hinten, sodass die Fußzehen des Patienten sich nach oben bewegen. Anschließend erfolgt fünfmal eine Kippung nach vorn (Fußzehen bewegen sich nach unten). Ebenso wie im ersten Teil werden hier die Zeiten zwischen Reiz und Reaktion ermittelt. Besondere Hilfestellung bieten die Resultate der Posturographie für die Planung einer Therapie von vestibulären und neurologischen Erkrankungen sowie deren Verlaufs- und Erfolgskontrolle. Der Equitest® alleine scheint aber kein nützliches Instrument zur Einschätzung der Veränderungen des Gleichgewichtsverhaltens zu sein. Erst in  Kombination mit den Ergebnissen der Nystagmusanalyse bietet sich ein umfassender Blick auf das Gleichgewichtssystem und seinen funktionellen Status.

Ein weiteres Problem ist die häufig vorhandene HWS-Symptomatik der Patienten. Schmerzbedingt tolerieren diese Patienten nicht alle Provokations- und Lagerungsprüfungen, sodass häufig Untersuchungen nicht bis zum Ende durchgeführt werden können. Nach einer gründlichen Untersuchung können allerdings oft durch eine chirotherapeutische Behandlung, bei der spezielle Grifftechniken (Manipulation) angewendet werden, die Muskelverspannungen gelockert, der Bewegungsspielraum der Gelenke wieder hergestellt und damit die Durchblutungsblockade gelöst werden. Die Chirotherapie umfasst diagnostische und therapeutische Methoden, durch die Funktionsstörungen am Haltungs- und Bewegungsapparat erkannt und behandelt werden können.