Inklusion Schule
geschrieben aus der Sicht einer Mutter

Es gibt sie tatsächlich, eine Schule, die versucht dem Gedanken der Inklusion weitestgehend zu folgen:

Unser Sohn, seit mehreren Jahren HG-Träger, ging bis zu den Sommerferien 2013 auf das Gymnasium in der Nähe. Dies ist eine Regelschule, die keine Erfahrung mit beeinträchtigen Schülern - insbesondere mit schwerhörigen Kindern - hat. Für viele Jahre war dies auch eine akzeptable Lösung. Die Lehrer gingen auf unsere Vorschläge zum Thema Nachteilsausgleich ein. Aber so wirklich beschäftigt mit der Problematik wurde sich nicht, dazu fehlte die Zeit, die personelle Ausstattung und ein Stück weit die Bereitschaft einzelner Lehrer. Wobei die meisten Lehrer sich sehr um unser Kind bemühten, keine Frage! Als seine gesundheitliche Situation sich verschlechterte war klar, eine andere Schule will gefunden werden.

Nach vier Tagen Hospitation stand für unser Kind fest: diese neue Schule soll es werden und bis heute hat er seine alleinige Entscheidung nicht bereut.

Allein das Gespräch vor dem Wechsel an die neue Schule war für uns eine neue Erfahrung: 4 Lehrer und die Integrationsfachkraft saßen im Raum, redeten wenig mit uns Eltern, sondern sprachen den wechselwilligen Schüler mit Hilfe FM-Anlage, Handmikrofon und vielen Wiederholungen an – wir hätten auch zu Hause bleiben können. Bereits hier zeigt sich schon die Bereitschaft zur Inklusion. Diese beginnt in meinen Augen in den Köpfen und in der Haltung der Menschen/Lehrern.

An seiner neuen Schule wird versucht zu erkennen: „Was kann der einzelne Schüler auf seine Art und Weise leisten?“ und „ Womit können wir ihn am besten unterstützen, so dass er seine Leistung auch bringen und nicht zuletzt zeigen kann?“ Angesprochen wird hier das Konzept „Empowerment“. Durch diese Haltung und Forderung (nicht Überforderung!) hat mein Kind wieder Spaß am Lernen erhalten und freut sich, zu zeigen, was in ihm steckt. Er sammelt positive Erfahrungen, lernt Eigenverantwortlichkeit und wird in seinem Selbstbewusstsein bestärkt. Wichtige Punkte für ein späteres Leben als Erwachsener.

Da die Schule seit mehreren Jahrzehnten einem integrativen Ansatz folgt, hat sie natürlich schon Erfahrungen gesammelt, wird extern u. a. von einer Landesgehörlosenschule unterstützt und ist technisch sehr gut auf die Belange von - in unserem Beispiel hör- beeinträchtigen Kindern eingestellt.

Angefangen wird bei Akustikdecken in vielen Räumen, über ein ausreichende Versorgung mit Lichtquellen in den Klassenzimmern und nicht zuletzt: ein sogenannter „KB-Bereich“ (körperbehinderter Bereich), sicherlich gesetzlich vorgeschrieben, in denen die Kinder sich nicht nur während der Pausen, sondern auch während der Unterrichtszeit zurückziehen dürfen. Entweder um gestellte Aufgaben zu erledigen oder neue Kräfte zu sammeln, um sich wieder besser konzentrieren zu können.

Durch aber eben auch diesen integrativen Ansatz darf die Schule beeinträchtigte Kinder stärker bewerten, so dass kleinere Klassen und Kurse angeboten werden können. Dieser Umstand kommt natürlich allen Kindern und auch den Lehrern zugute.

Der gesetzlich festgeschriebene, aber leider nirgendwo im einzelnen erklärte Nachteilsausgleich wird hier großzügig ausgelegt, ohne dass wir Eltern etwas für unser Kind „einfordern“ mussten – es wird geschaut, überlegt und dann ausprobiert, was passt.

Anstatt Schulsport gibt es benotete Einzel-Physiotherapie (2x/Woche). Die Übungen sind auf das Kind zugeschnitten und verbessern dessen Körperbeherrschung.

Weiterhin werden zusätzliche Einzelunterrichtsstunden bei einigen Lehrern angeboten. Soll verpasster Stoff nachgearbeitet werden? Stehen soziale Themen an? Muss etwas außer der Reihe besprochen werden? Gerade in diesen Stunden kann unser Kind zeigen, dass es auch mitarbeiten kann, dass ohne Hörschädigung seine mündliche Beteiligung am Unterricht besser wäre. Eben, dass der Lehrer den Willen zu Lernen erkennt.

Die mündliche Mitarbeit unseres Sohnes wird weitestgehend nicht benotet. Stattdessen hält er Referate, und bearbeitet zusätzliche Aufgaben zu Hause. So erhalten die Lehrer genügend Eindrücke, um die Benotung zu rechtfertigen. Dies ist natürlich mit erhöhtem Zeitaufwand verbunden, Zeit, die er eigentlich zur Erholung gut gebrauchen könnte. Während des Unterrichtes hat unser Kind jederzeit die Möglichkeit zu sagen, „ich brauche Ruhe und ziehe mich zurück“. Die Geschichtslehrerin bietet ihm sogar an, sich den jeweiligen Unterrichtstoff im KB-Bereich alleine zu erarbeiten und hinterher „drüber zu schauen“.

Werden Arbeiten, HÜ‘s oder Tests geschrieben war es von Beginn an selbstverständlich, dass unser Kind, obwohl lautsprachlich aufgewachsen und mit einem großen Wortschatz ausgestattet, mehr Zeit zur Bearbeitung der Aufgaben erhält. Dies wurde noch nicht einmal in Frage gestellt, obwohl der Ursprung dieses Ausgleiches der fehlende Wortschatz von frühertaubten Kindern ist.

Es werden immer neue Ideen gesucht. Noch nicht ausprobiert haben wir die Möglichkeit, das Tafelbild mit einem von der Schule gestelltem IPAD zu fotografieren, da schreiben und Lippen absehen nicht gleichzeitig möglich sind.

Vor den Weihnachtsferien hielt unser Sohn ein Referat über die Schwerhörigkeit im Allgemeinen und über „seine Hörschädigung“, nicht über NF2. Unterstützt wurde er in technischer Weise von der Förderlehrerin der LGS. Neben den vielen theoretischen Grundlagen, wurden den Kommilitonen die Ohren vertäubt, es gab Hörbeispiele von CD, Hörtaktiken wurden vorgestellt und „was passiert eigentlich, wenn der Lehrer weiterspricht, aber sich zur Tafel wendet, um anzuschreiben?“ Dies alles soll helfen, die Mitschüler zu sensibilisieren. Denn auch die Mithilfe der Kursteilnehmer ist wichtig: kein zusätzliches Rascheln oder Wispern während des Unterrichtes, benutzen der Handmikrofone. Vielleicht ist es sogar möglich, die Bereitschaft eigene Mitschriften weiterzugeben zu wecken? Auch dies würde helfen.

Bestimmt habe ich nun den einen oder anderen Punkt schlichtweg vergessen zu erwähnen. Wichtig ist aber, dass mein Sohn im letzten Jahr durch den Schulwechsel wieder eine neue Perspektive erhalten hat. Wichtig ist, dass er, dem Gedanken der Inklusion folgend, nicht nur mit „normalen“ Maßstäben gemessen wird, sondern dass er so sein darf wie er ist.

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